Kann denn Provinz Idylle sein?

Ein Exkurs vom antiken Arkadien über das "selbst-idyllisierende" Österreich ins "idyllrepräsentierende" Amerika.

Die romantische Vorstellung von Provinz als Ort des Unverfälschten, Unberührten, Unverdorbenen, also Unveränderten imaginiert Provinz als Territorium des Authentischen. Eine sehnsüchtige Projektion vom städtischen Standpunkt aus, die Authentisches als Erholungsidyll oder als idyllischen Lebensstil phantasiert. Dem entgegengesetzt existieren die Vorstellungen von Provinz als Zone der Ödnis, Langeweile, Rückständigkeit oder des Unbekannten.

Die Vorstellung, daß die Provinz unberührt vom "wirklichen" Leben (von alltäglichen städtischen Wettkampfmechanismen, Entsprechenmüssenanforderungen, Leistungsansprüchen, Tempo, etc.) sei, coexistiert mit der Vorstellung, dass das "wirkliche" Leben in der Provinz (Konzentration auf das Wesentliche, die Reduktion von Ablenkungsstrategien, Langsamkeit) zu finden sei. Die Provinz als imaginäre Region dualistischer Lebensmodelle ist Projektionsfläche momentaner Lebensbedingungen, spiegelt die Sehnsucht nach und die Angst vor dem Anderen wider. Die Sehnsucht nach dem Idyll/Anderen und gleichzeitig der Horror davor? Das Bild von der Provinz als Idyll und das idyllische Selbstbild als provinzieller Habitus sind Phänomene unterschiedlicher kultureller Identitäten.

Das Idyll als irdisches Paradies, oder das Paradies ist eine Provinz des Imaginären

In der antiken Vorstellung eines irdischen Paradieses wird das Phantasma mit einem realen Ort verbunden. Arkadien, eine Region am Peloponnes, und der Lebensstil seiner Hirtenbewohner wird zur Idealvorstellung eines glücklichen Lebens erklärt. Eine Idyllvorstellung, die mit Unschuld, Einfachheit, Naturnähe, Ursprünglichkeit assoziiert wird. Das Phantasma wird aus dem städtischen Bereich ausgelagert, isoliert, am Land angesiedelt. Ein Bild vom Anderen, dass das was man gerade nicht hat, oder lebt, idealisiert. Der Mangel wird imaginär entsorgt und die Möglichkeit des Begehrens nach dem Anderen wird zum konkreten Idealbild kollektiver Wünsche stilisiert. Das Imaginäre, das das Reale erträglich macht, sehnt sich nach dem Anderen, nach einem Zustand davor, nach nostalgischer Vergangenheitsverklärung oder nach einem Zustand danach, nach utopischer Zukunftsillusion. Die Gegenwart schmort in ihrer Realität.

Die Angst vor der Leere, davor dass sich hinter der Maske kein paradiesischer Kern befindet, projiziert idyllische Maskeraden nach Außen. Arkadien oder das alttestamentarische Paradiesbild sind Beispiele imaginärer Provinzen innerhalb unbegrenzter Vorstellungssysteme, phantasmatische Provinzen.(1)

Österreich, oder die Versuchung des Idylls

Das Österreich-Bild als gesellschaftspolitische und geographische Idylle ist Bestandteil eines überlieferten Lebensgefühls, an dessen Fortbestehen hartnäckig gebastelt wird. Das Imaginäre des Idylls verdeckt das Reale, macht es erträglicher, konstituiert aber in der Folge Realität, die somit eine idyllische ist. Eine scheinbar idyllische, die Verniedlichungs- und Verharmlosungsprozesse als Mechanismen der Verdrängung automatisiert und als Inszenierung des Realen einsetzt.

Die österreichische Konsenskultur des "alles ist gut", sprich die österreichische "heile Welt Variante" ("passt eh") spiegelt eine Idyllisierungs-Tradition dieses Umgangs mit dem Realen wider.

Die österreichische Selbstidyllinszenierung vereinahmt das Andere teilweise, idyllisiert es, ermöglicht so einen scheinheiligen Umgang mit dem Anderen, um es genießen zu können (eine schöne Leich). Die österreichische Spezialität wäre demnach ein dekorativer Zuckerguss von Realem um es genießen zu können. Ist die österreichische Sehnsucht nach Idyll die Sehnsucht nach Genuss, nach pro forma Bedingungen einer Genuss-Option? Die Diskrepanz zwischen Realem und Imaginärem wird zur melancholischen Zone des Genusses. Eine katholisch-arkadische Idyll-Variante, die über rein funktionelle Idyllisierung hinausgeht.

Findet deswegen in Österreich eine Inszenierung von Kanzler und MinisterInnen als Idyllvertreter statt? Radikale Reidyllisierung will inszeniert sein, in genussvollen MusikantInnen-, WandererInnen, oder sonstigen Freizeitposen. Die Inszenierung von Realität im Idyll-Kostüm wird als politische Strategie eingesetzt, um sogenannte Reformen oder das sogenannte Null-Deffizit als Produkt einer genussvollen Arbeit zu präsentieren. Die Idylldarstellung fungiert als Legitimationsinstrument für politisches Agieren indem sie emotionale, identitätsdemonstrierende Versatzstücke vorspielt.

Provinzieller Habitus als politischer status quo, der als international agierendes Kampflächeln auftritt. Eine Radikalisierung des Idylls? Das idyllische Selbstbild, oder die Inszenierung des Selbstbildes als Idyll verweigert reflexive Prozesse, leugnet Reales, konstruiert euphemistische Realitäten, die ihrerseits Ausschließungsmechanismen produzieren. Soziale Anliegen und Bedürfnisse von Nichtprivilegierten, von Armen und MigrantInnen passen nicht ins Idyllbild.

Das Idyll als kollektive Repräsentationsform, der man/frau entsprechen muss? Ein Vorläufermodell des amerikanischen "everything is great"-Systems, und wenn es das nicht ist, dann ist es suspekt? Verordnete Idyll-Systeme als kollektiver Lebensstil, um Kritik und Diskussion nicht aufkommen zu lassen. Oder wenn doch, um Gegenpositionen zu kriminalisieren und als das Andere, das den Genuß stört, im Namen der Scheinheiligkeit zu degradieren? PolitikerInnen Alltags-Tools.

Amerika, das cleane Idyll, oder die Sitcom-Provinz

Idyllische Selbstrepräsentation, statt österreichischer Repräsentation des Idylls um des Genusses willen? Das amerikanische Modell ist ein zukunftsgerichtetes Utopie-Idyll, ein funktionelles Fortschritts-Idyll, protestantisch. Jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich ... und hat das Recht auf Glück. Ein verfassungsmäßig verankertes Relikt des amerikanischen Traumes, Phantasmapool der Idyll-Möglichkeiten. Ein perfektes Idyll, oder die Vorstellung eines perfekten Lebens, gereinigt von Realen und genussfrei. Ein idyllischer Lebensstil, der in Sitcoms oder Hollywoodfilmen vorgegeben wird und Verhaltensmuster prägt, idyllisch, clean. Das Idyll verlagert sich in eine idyllrepräsentierende Sitcom-Sprache. Das Phantasma erschöpft sich in einer provinziellen Sprechblase vorprogrammierter (Un)-Möglichkeiten. Ein Alltagsidyll für Nichtprivilegierte, das sich jede/r selbst erarbeiten kann/muss, ein Mainstream-Idyll. Der Alltag fungiert als Bühne für die Inszenierung des Idylls for everybody, das Instrument dazu ist vorprogrammierte Situationskomik, die als solche durch Dosengelächter gekennzeichnet ist. Alltagsproblematik löst sich in Dosengelächter auf, verschwindet und dieses "easy going" wird zum Maßstab für idyllische Verhaltensregeln. Die Pflicht zum Idyll, unterstützt von Ratgeberliteratur als "do it yourself" Anleitung, schreibt die Umsetzung dieses Phantasmas in die Praxis vor. Andere Verhaltensmuster fallen aus dem Idyll-System und werden als suspekt und als Bedrohung wahrgenommen. Die Provinzfaktoren Langeweile (serielle Wiederholung), Authentisches (im Sinne von einem in sich geschlossenem System) und Erholung (banale Unterhaltung) sind Bestandteil von Sitcom-Alltagskultur. Der Glaube ans Idyll bestätigt gesellschaftliche Systeme in ihrer hardcore Realität, ist deren Produkt, ist die phantasmatische Seite der Medaille, unheimlich in der Entwicklung zum Idyll-Terror. Idyllische Verhaltensweisen werden als kulturelle Identitätsfaktoren exportiert, doch der amerikanische Traum der gereinigten Idyll-Möglichkeiten entwickelt sich zum Albtraum.

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1: Im Unterschied zum alttestamentarischen Paradiesesbegriff bezieht sich Arkadien auf eine Lebens-Paradies-Vorstellung und nicht auf das Paradies nach/vor dem Tod. Beide sind imaginäre Konstrukte. Der Tod ist in Arkadien Teil der Paradiesvorstellung und präsent, ist also nicht wie in der alttestamentarischen Tradition der Schnitt, der Imaginäres von Realem trennt.