Der jüngst in Frankreich und Deutschland entbrannten Kopftuch-Debatte folgte kurz darauf ein Dekret des Vatikans, indem er eindringlichst vor islamisch christlichen Mischehen warnt, die Bürger-Rechte der Frauen wären oft nicht gewährleistet, verkündet von einem patriarchalen hierarchischen System, wie der katholischen Kirche.
Die Differenz gesellschaftlicher Ordnungssysteme findet ihre symbolische Repräsentanz in Attributen oder Pseudo-Haltungen, die die Sicherheit von Frauen gewähren sollen. Der propagierte Quasi-Schutz von Frauen wird von islamischer wie von christlicher Seite zum religiösen Symbol der Differenz. Der Unsicherheitsfaktor Frau -im patriarchalischen Sinne- wird innerhalb der geschlechterspezifischen Differenzsysteme zum Symbol unterschiedliche Identität konstruierender und dekonstruierender Ordnungssysteme. D.h. ein Regelsystem stößt auf ein anderes, entlädt sich an den Zeichen, die öffentlich die Identität des Anderen symbolisieren, wie eben das Kopftuch, Moscheen, etc. Religiöse und politische Systeme, die islamische und die sogenannte demokratische Ordnung, beides Institutionalisierungen von moralischen Normen, repräsentieren gesellschaftspolitische und kulturelle Weltbilderhierarchien.
Wie werden österreichische/deutsche Lebenssysteme und Alltags(un?)kultur - Regelsysteme - und wie werden türkisch islamische symbolische Ordnungen decodiert, inwieweit sind sie identitätskonstituierend, wo tauchen sie überhaupt auf? Geordnete Verhältnisse, Kontrollmechanismen, Ordnungsbilder, Habitus, Verhaltensregeln, Löcher in den Systemen sprich Leerstellen, Differenzen und Analogien sollen erforscht, sichtbar gemacht werden. Sicherheitssysteme, Vorstellungssysteme, Scham- und Schuldsysteme sollen hierbei eine Rolle spielen.
Geordnete Verhältnisse versprechen Sicherheit, Kontinuität, Ewigkeit. Kontrollsysteme, die aus der Vergangenheit/Tradition ihre Berechtigung mittels Übernahme bewährter Strukturen herleiten um zukünftige Unsicherheitsfaktoren möglichst gering zu halten, kalkulieren Überschreitungen mit ein. Symbolische Ordnungen benötigen das Ungeordnete, Chaos, Unvorhersehbares um sich selbst zu bestätigen, um real zu werden. Normative Verordnungen - um Machthierarchien zu konstituieren und zu konservieren - werden in gesellschaftlichen Systemen durch Verhaltenscodierungen und Regeln, Habitusvorschriften, juridische oder religiöse Systeme installiert und legitimiert, die Alltagsabläufe und soziale Vorstellungsmuster bestimmen.
Die Sicherheit der eigenen Identität: War der islamische Fundamentalismus nicht eine Reaktion auf die westliche Allmacht, auf kapitalistische neoliberale Wirtschaftsordnungen und den american way of life? Ein Rückzug und verstärktes Reaktivieren eines bewährten Gesellschaftssystems, das tradierte soziale Positionenbestimmungen sichert? Und ist die Beibehaltung der islamische Identität in Europa oder Amerika nicht ein Schutzmechanismus um neben seinem Land und Kultur nicht auch noch sein Selbst zu verlieren? Aber auch ein Modell um Machtverlust innerhalb gesellschaftlicher und familiärer Systeme zu unterbinden und zu kontrollieren. Deswegen vielleicht "das Verbot" türkischer Eltern an ihre Töchter und Söhne Nicht-Muslime zu heiraten, da sie die islamischen Verhaltenscodierungen innerhalb der Familie und innerhalb der Gesellschaft nicht kennen? Ein Sicherheitsrisiko? Und wie ist das umgekehrt?
Die Identifikation mit der eigenen symbolischen Ordnung programmiert Probleme mit anderen Regel-Modellen vor, weil sie eine andere unbekannte Ordnung repräsentieren und als Bedrohung des eigenen Systems wahrgenommen werden. Unter dem Aushängeschild Demokratie, und dem pseudo Argument Arbeitsplatzsicherung werden Grenzen dicht gemacht, oder Aufenthalt unmöglich gemacht.
Die Nation/(Region) wird zu "Our Thing", wie Slavoj Zizek(1) das nennt, zu unserer Lebensweise, verbunden mit unseren Traditionen, sozialen Verhaltensweisen/Gewohnheiten, Ritualen und Mythen etc., die nur uns zugänglich sind, und nicht den Anderen. Was bleibt ist jedoch die Bedrohung/Angst durch/vor den Anderen. Zizek führt diese Angst darauf zurück, daß wir glauben, daß die Anderen unsere jouissance, also unseren Genuß (nationale Mythen, Traditionen etc.) stehlen würden, indem sie unsere Lebensweise ruinieren. Eine Art Verdrängungsmechanismus also um die traumatische Tatsache zu verbergen, daß wir niemals das - den Genuß, weil er imaginär ist - besaßen, was angeblich von uns gestohlen wurde. Es ist also das Imaginäre, das über die Unmöglichkeit geschlossener Systeme hinwegzutäuschen versucht. Das Imaginäre setzt genau da ein, wo die Unvollständigkeit von Realität evident wird. Durch das Imaginäre erleben wir unsere Welt als eine vollständig übereinstimmende und bedeutungsvolle Ordnung. D.h. also, daß das Imaginäre unsere sozialen Beziehungen strukturiert. Vorstellungsbilder, die Verhaltenscodierungen prägen, Verhaltensmuster prägen. Wie sieht das vor Ort aus? Ändert persönliche Erfahrung Vorstellungsmuster, oder heißt es "mein türkischer/deutscher Nachbar ist ja nett, aber sonst sind mir alle suspekt"? Feindbild Islam, Feindbild unmoralischer Westen/Österreich/Deutschland?
Unterschiedliche Zugangsweisen des Christentums und des Islams, wie man mit Verbrechern und deren Bestrafung umgeht: das Scham und das Schuldsystem spiegeln soziale Codierungen, und Habitus, die die Alltagskultur prägen, wider. Der Westen praktiziert eine Schuldkultur, der Islam eine Schamkultur. Was heißt das? "Scham ist eine emotionale Haltung in Folge einer Normverletzung, für die man sich moralisch verantwortlich fühlt. Sie motiviert dazu, diese Normverletzung zu reparieren, um die eigene Würde, d.h. gegenüber der Gemeinschaft, der man angehört, seinen Ruf und gegenüber sich selbst sein Selbstbild, wiederherzustellen. In einer Schuldkultur obliegt diese Aufgabe dem Normverletzer, in einer Schamkultur hingegen in der Regel dem durch die Normverletzung Geschädigten."(2)
In einer Schamkultur muß sich also der Geschädigte selber um die Rekonstituierung seine Integrität kümmern, Scham hat zu empfinden, wem Unrecht zugefügt wurde. In einer Schuldkultur sollte Scham empfinden, wer Unrecht begangen hat. D.h. diese Verlagerung der Scham hat in islamischen Kulturen nicht stattgefunden, andererseits, wird die Scham der Geschädigten hier nicht somit ausgeblendet? Der Begriff der Ehre kommt ins Spiel, Leitbegiff in islamischen patriarchalen Systemen, hier zu Lande nationalsozialistisch konnotiert, oder versteckt. Eine Männergeschichte, die Mann sein konstituiert, Anderes ausschließt. Im Islam, ein Selbstbestrafungssystem innerhalb familiärer Strukturen und Identifizierung mit der von anderen Mitgliedern der Familie erfahrenen Scham. Ein ungeschriebenes Gesetz und Sippenhaftung? Ein System, um Männer zu instrumentalisieren, um Gesetze zu gewährleisten und zu vollstrecken, privat? In Österreich und Deutschland hingegen Gesetzte, die Diebstahl/Raub, mit Höchststrafen belegen, also Besitz als den höchsten Wert ansehen, kapitalistische Werte und Gesetze. Hat sich hier nicht so was ähnliches wie der Begriff Ehre in ein kapitalistisches Ansehen verwandelt? Welchen sozialen Status repräsentiere ich nach Außen?
Ein Versuch, mittels künstlerischer Positionen, unterschiedliche gesellschaftliche und kulturelle Normcodierungen, am Beispiel der türkischen Minderheiten in Österreich und Deutschland, die hierzulande noch weniger öffentliche Präsenz als in Deutschland haben, zu beleuchten.
________1: Vergl. Slavoj Zizek: Enjoy Your Nation as Yourself. Tarrying with the Negative: Kant, Hegel and the Critique of Ideology. Durham: Duke University Press, 1993
2: Peter Heuer, Schuld, Scham und Schmach. Versuch einer Untersuchung; in:Dialektik Zeitschrift für Kulturphilosophie, Stuttgart, Wolfenbüttel, Leipzig, 2003, S.123