Dezentriert sein, der Verlust von Gleichgewicht, oder Orientierungsschwierigkeiten, sind oft Produkte alltäglicher Überforderung. Ein Phänomen allgemeiner Unbehaglichkeiten und Irritationen rasender Zivilisationsprozesse und Verunsicherungsmechanismen? Nebenprodukte ständig steigender Anforderungen und kompetitiver Ansprüche? Eine Summe von nicht mehr identifizierbaren Codes, die Individuen überrollen, und deren Aufnahmekapazitäten überlasten? Tägliches auf dem "Neusten-Stand-Sein-Müssen", alle Informationen richtig auszuwerten und zwar als Erster, also schlauer, schneller, kommunikativer als andere zu sein um mithalten zu können, steigert Leistungsansprüche ins Endlose. Resultat: Streß, Überforderung, Verunsicherung, psychische und physische Krankheiten, Isolation, Flucht in Scheinwirklichkeit, etc. Reaktion: Rückzug und Einsamkeit, Resignation, Verdrängung, Angst, Aggression, Gewalt, Depression, Neurosen etc. Gesellschaftspolitische Mehranforderungen an Einzelne sind von neoliberalen Wirtschaftsregeln- und Dogmen und dem tendenziellen Ende sozialer Marktwirtschaft und Gesellschaftsformen nicht zu trennen.
Wie äußern sich, deklarieren sich Symptome alltäglicher Überforderung? Schwachstellen, die als erstes betroffen sind, eine Angriffsdisposition bieten, Befindlichkeitsbarometer die zuerst erfolgreich ignoriert werden, immer heftiger werden, sich verlagern ... vom Symptom des "Außersichseins", vom äußeren Zeichen auf innere Gleichgewichtsstörungen verweisen? Signale von Verdrängtem? Zeichen von Ungelöstem, Mangel, von unerfülltem Begehren?
Andere Wahrnehmungen, Reaktionen und Verhaltensweisen, also andere Inhalte und Formen als Schutzmaßnahmen oder um Aufmerksamkeit einzufordern? Symptome mangelnder Aufmerksamkeit um als Schwächen empfundene Andersheiten sichtbar zu machen?
Konstruierte Selbst-Ansprüche und die damit verbundene Selbst-Überforderungen sind oft Ausdruck der Diskrepanz der Differenz von Imaginärem und Realität. Symptome der Überforderung sind somit Symptome des Realen.
Das Ausmaß oder die Handhabung der Summe alltäglicher Überforderungen, privater als auch öffentlicher Natur/Kultur, konstituiert sich aus den jeweiligen soziologischen Konditionierungen, Verhaltensstrukturen und Erfahrungen, die als gespeicherte Codes im subjektiven System abgelagert sind.
Überforderungen im Eigenverlag, die oft Produkte diverser Sozialisierungsprozesse sind, kollidieren mit postmodernen leistungsorientierten und massenorientierten Mainstream-Überforderungsmechanismen. Beschleunigungsfaktor steigend. Verdrängungsfaktor steigend. Unterhaltungs-Fun-Trip oder Ecstasy-Trip?
Informationsüberforderung, ein Mix aus Desinformation, Information, Falschinformation und dem Nichtgesagten multipliziert Unsicherheitsdispositionen. Medial produzierte Überforderungs-Bilder reflektieren einerseits verschärfte gesellschaftliche und ökonomische Wettbewerbsbedingungen und generieren andererseits Überforderungsängste- und zustände.
Überforderungs-Klischees werden produziert und deren alltäglichen Symptome publikumswirksam in Talk-Shows vorgeführt und öffentlich als Realität inszeniert. Aussichtslosigkeit redundant, inklusive angebotener Schein-Erlösung via mediale Beichte?
Unstabiles Symptom, was nun?
Wie werde ich die Überforderungen wieder los, wann bin ich überfordert, wenn die Situation neu ist, ich keine Erfahrung diesbezüglich habe, Ängste oder schlechte Erfahrungen habe, oder Selbstbilder des "Nicht-Genügen-Könnens" sich festgesessen haben? Fremd- und eigen generierte Erwartungen streiten um die Wette. Ideal-Bilder machen sich breit und das Nicht-Entsprechen-Gefühl ist auch schon da. Schweißausbruch. Alles absagen oder nur nichts anmerken lassen. Tough-Sein ist die Devise, die die schwitzen sind suspekt, zurück zur Therapie oder zum Kurs für alle Fälle.