Ein Double-Check von (Un)Sicherheits-Phänomen, -Symptomen und -Taktiken innerhalb objektiv gesellschaftlicher und subjektiv privater Systeme. Verunsicherungen, Ängste, als Generatoren für gesteigerte Sicherheitsbedürfnisse, wie entstehen sie, wie werden sie produziert und verkauft? Das heißt, die Angst -und Sicherheitsfrage soll im Kontext soziopolitischer als auch privater intersubjektiver Bezugssysteme gestellt werde. Produzierte Selbst-Verunsicherung - die im Zustand des "sich bedroht fühlens" eskaliert - als Symptom hysterischer Gesellschaftssysteme? Religiöse und kulturelle Normen als Sicherheitsnetz? Oder hysterische Unsicherheitssymptome und Taktiken, die Identitätsverlustängste, Kontrollverlustängste oder Verdrängung symbolisieren?
Das Phänomen steigender Sicherheitsbedürfnisse, durchzieht alle gesellschaftlichen Schichten und Kontexte. Die Illusion von absoluter Sicherheit wurde durch die Ereignisse des 11. Septembers gleichzeitig zerstört und neuinstalliert. Verletzbarkeiten wurden bewußt und Maßnahmen zur Wiederherstellung der scheinbaren Unverletzbarkeit, des Zustandes "davor" ergriffen. Die verlorene "Unschuld" soll mit dem Vorwand von extremen Sicherheitsmaßnahmen- und aktionen, um jeden Preis zurückerobert, erkämpft werden. Oberstes Motto Sicherheit. Um den Pseudo-Idealzustand des "Davor" zu imaginieren. Sicherheit als Instrument zur Restituierung von nie existenter Unverletzbarkeit. Absurd? Auf der imaginären Suche nach dem unerreichbaren Objekt des Begehrens, dem Phantasma Sicherheit?
Kontrollwahn legalisiert durch medial propagierten Sicherheitsverlust. Freiheitseinschränkungen als für notwendig erklärte Sicherheitsmaßnahmen, zum Wohle aller? Alles im Namen der Demokratie, um sein eigenes "einzig richtiges" System zu schützen? Das Aushängeschild Demokratie als oft leere Formel, deren Verteidigung jede Aktion rechtfertigt? Wovon fühlt man sich gegenseitig so bedroht? Islamische Identität, bedroht durch westliche Wirtschafts-Dominanz und Präpotenz – westliche Identität, bedroht durch radikales Einfordern von Aufmerksamkeit seitens Ausgeschlossener? Beide geprägt durch gepushte Verlustängste und Verunsicherungspropaganda?
Ein religiöses Gesellschaftssystem wie der Islam ist als Identitätsmodell mitunter deswegen so erfolgreich, da innere Sicherheitsvorkehrungen, basierend auf traditionellen Verhaltensregeln und Rollenbestimmungen, nicht nur wieder aufgewertet werden, sondern als absolut gesetzt werden. Ein sicheres Identitätsmuster gegenüber der Allgegenwart westlich-ökonomischer- und kultureller Prinzipien, das explizit Stellung bezieht gegenüber der als moralische Unsicherheit/ Bedrohung empfundenen übermächtigen Dominanz des Westens.
Staatlich-religiöse Kontrolle, die fundamental in Privatbereiche eingreift. Privates somit noch privater, heimlich privat wird, eine vom öffentlichen Leben strikt getrennte, oft widersprüchliche Zone. Ein religiöses Wertesystem als Gegenpol zum kapitalistischen System? Das aber beruft sich seinerseits auf seine westlichen Werte, oder Bewertungen?
Westlicher Fundamentalismus, also Kapitalismus protestantisch oder katholisch indoktriniert, deklariert sein Sicherheitsbedürfnis Nr. 1 durch Abschottung von außen: Die äußere Sicherheit, Besitz, muß gewährleistet werden. Sicherheit ist Privatangelegenheit, wird gehandelt, verkauft und gekauft, ist Wirtschaftsfaktor innerhalb des propagierten Verunsicherungssystems. Der westliche Sicherheitscheck, das staatliche Eingreifen in Privatsphären basiert auf dem anonymen, abstrakten, zunehmend undurchschaubareren Einsatz von Sicherheitstechniken. Technik statt Religion als Kontrollmittel? Das elektronische Auge Gottes? Überwachungstechnik statt sozialer Sicherheit?
Der andere ist die propagierte benannte Unsicherheit. Religion, Kultur, Wirtschaft als Pseudo-Sicherheitssysteme, die Schutz vor dem anderen versprechen, dieser Schutz aber für den anderen genau Gegenstand der Bedrohung sein kann. Produzierte Verunsicherung, Massenverunsicherung um ideologische, politische und ökonomische Interessen zu realisieren? Medial ausgestrahlte Verunsicherung um im Namen der Sicherheit die Sehnsucht nach dem symbolischen Vater, nach maximaler Kontrolle und Schutzfunktion zu imaginieren und um dessen reale, autoritären "Gebote" zu rechtfertigen? Ausgrenzungsmethoden als Pseudo-Sicherheitstool und Sicherheitsbeweis zur Beruhigung? Oder sind sie nicht eigentlich Symptom dieser produzierten hysterischen Verunsicherungen?